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Kommentar

Jenseits von ChatGPT: Warum das Ad Context Protocol (AdCP) unsere wichtigste Hausaufgabe ist

Ein Gastbeitrag zur Zukunft von Agentic Advertising und warum wir endlich aufhören müssen, KI nur als besseren Text-Generator zu verstehen.

David Porzelt

Smartphone mit leuchtendem Code vor einer unscharfen Person
KI-Agenten sollen künftig immer mehr Aufgaben im digitalen Werbemarkt übernehmen. Damit sie über Systemgrenzen hinweg zusammenarbeiten können, braucht es gemeinsame technische Standards wie das Ad Context Protocol. - Ron Lach/Pexels

Wir alle kennen die typischen KI-Diskussionen in den Agenturen, Publisher-Häusern und Marketing-Abteilungen. Meistens drehen sie sich um generative Tools: Wie wir mit ChatGPT schneller Copywriting betreiben, wie Midjourney unsere Moodboards revolutioniert. Das ist nett, das ist greifbar – aber es greift viel zu kurz. Während die Branche noch fasziniert auf die Oberfläche starrt, formiert sich im Hintergrund die eigentliche Revolution der digitalen Wertschöpfungskette: Agentic Advertising.

Und das Fundament dieser neuen Ära heißt AdCP – das Ad Context Protocol. Wer dieses Protokoll und seine Funktionsweise heute ignoriert, verpasst die Chance, die Use Cases von morgen überhaupt erst zu begreifen, geschweige denn zu gestalten.

Was genau ist das Ad Context Protocol (AdCP)?

Um zu verstehen, was das Ad Context Protocol (gehostet unter adcontextprotocol.org) eigentlich ist, müssen wir einen Schritt zurücktreten.

Bisher ist der programmatische Werbemarkt extrem deterministisch aufgebaut. Wir nutzen APIs, starre OpenRTB-Spezifikationen und vordefinierte Tabellen, um Media-Budgets, Creatives und Zielgruppen miteinander zu verknüpfen. Das funktioniert – erfordert aber unzählige manuelle Zwischenschritte, endlose E-Mail-Ketten für Absprachen, manuelle IOs (Insertion Orders) und starre Plattform-Silos.

Mit dem Einzug von KI-Agenten (AI Agents) ändert sich das. Ein KI-Agent ist kein passiver Chatbot, sondern eine Software, die ein Ziel gesetzt bekommt (z. B. „Finde die effizienteste Platzierung für unsere neue Launch-Kampagne in Europa im Bereich Nachhaltigkeit und verhandele den bestmöglichen Preis“) und dieses Ziel eigenständig, interaktiv und über Systemgrenzen hinweg verfolgt.

Damit diese Agenten jedoch miteinander und mit den bestehenden AdTech-Systemen (wie SSPs, DSPs oder Publisher-Schnittstellen) kommunizieren können, brauchen sie eine gemeinsame Sprache. Genau diese Sprache liefert das Ad Context Protocol (AdCP).

AdCP ist ein neuer, offener Standard für Agentic Advertising. Er baut als zusätzliche Schicht auf bestehenden Infrastrukturen wie dem Model Context Protocol (MCP) auf und gliedert sich im Wesentlichen in zwei Ebenen:

1. Die Verhandlungsebene (Negotiation Layer): Hier kommunizieren Agenten über Kampagnen-Intentionen, Creatives, Budgets, Signale und Marken-Governance. Sie entdecken passende Partner, klären Rahmenbedingungen und bereiten den Deal vor.

2. Die Serving- und Entscheidungsstufe (Decisioning and Serving Layer): Mithilfe von Protokollen wie dem Trusted Match Protocol wird die tatsächliche Ausspielung der Kampagne in Echtzeit über Web, CTV oder Retail Media koordiniert – abgestimmt auf den Kontext und unter Berücksichtigung von Brand Safety und Identitätsschutz.

Das Geniale an AdCP: Es ersetzt etablierte Standards wie OpenRTB oder Prebid nicht. Es setzt sich als logische, semantische Übersetzungsschicht oben auf. Es sorgt dafür, dass die „Absicht“ (Intent) einer Kampagne und der semantische Kontext verlustfrei durch die gesamte Lieferkette transportiert werden können.

Der Wendepunkt ist längst erreicht

Dass dies keine ferne Zukunftsmusik ist, zeigt ein historischer Meilenstein: Am 16. Oktober 2025 wurde der erste vollautomatische Agent-to-Agent (A2A) Media-Deal der Geschichte dokumentiert. Echte Budgets, echtes Inventar (bereitgestellt von LG Ads), komplett verhandelt und freigegeben von zwei autonom agierenden KI-Agenten – unter menschlicher Aufsicht. Brancheninsider verglichen den Moment treffend mit der Ausspielung des allerersten Banner-Ads in den 90er-Jahren.

Inzwischen unterstützen über 100 führende Branchen-Player das Protokoll. Von Yahoo über PubMatic bis hin zu Scope3 und Samba TV bewegen sich die Giganten der AdTech-Welt rasant in Richtung Agentic Advertising.

Warum wir uns JETZT mit KI-Protokollen auseinandersetzen müssen

Genau hier liegt mein Appell an unsere gesamte Branche. Es reicht nicht mehr aus, darauf zu warten, welche Features uns die großen Plattformen in ihren Dashboards vorsetzen. Wir müssen unter die Motorhaube schauen.

Wir müssen KI-Protokolle wie AdCP verstehen, lernen und durchdringen. Warum? Weil das der einzige Weg ist, wie wir als Marketer, AdTech-Entwickler, Agenturen und Publisher echte, wertschöpfende Use Cases erkennen und überhaupt erst skizzieren können.

Ohne Protokoll-Wissen bleiben Use Cases blindes Raten

Wer die Funktionsweise von AdCP nicht versteht, kann auch keine strategischen Fragen beantworten:

• Wie schützen wir unsere First-Party-Daten, wenn ein fremder Einkaufs-Agent auf unserem Publisher-Inventar crawlt?

• Wie sieht die Schnittstelle aus, über die unsere Marke ihre strengen Brand-Safety-Guidelines an einen autonomen Media-Buying-Agenten übergibt?

• Wie verhindern wir Halluzinationen in der Budget-Allokation?

Nur wer versteht, dass AdCP über strukturierte JSON-Schnittstellen und standardisierte Schemata arbeitet, kann Lösungen für diese realen Herausforderungen entwerfen. Wir müssen lernen, in Workflows zu denken, in denen Agenten die operative Schwerstarbeit leisten, während der Mensch als Kurator, Stratege und Kontrollinstanz fungiert.

Demokratisierung des Marktes mitgestalten

Agentic Advertising birgt ein enormes Potenzial zur Demokratisierung. Ein lokaler Bäcker oder ein kleines Start-up kann über einen optimierten Einkaufs-Agenten theoretisch dieselbe Media-Buying-Intelligenz nutzen, für die früher sechsstellige Agentur-Retainer nötig waren. Gleichzeitig können mittelgroße Publisher ohne riesiges Sales-Team direkt um Premium-Budgets konkurrieren, weil die Discovery-Agenten der Einkäufer sie über das AdCP-Registry-Verzeichnis automatisch finden und bewerten.

Wenn wir uns nicht aktiv an dieser Standardisierung beteiligen, überlassen wir das Spielfeld den wenigen Plattform-Monopolisten, die ihre eigenen, geschlossenen Protokolle etablieren werden.

Vom „Prompten“ zum „Architektur-Design“

Die Rolle des modernen Marketers verschiebt sich rasant. Der Fokus wandert weg vom simplen Prompting hin zum Design von Systemarchitekturen. Wie orchestrieren wir das Zusammenspiel aus unserem CRM, unseren Agenten und den offenen Schnittstellen des Marktes? Wer hier nicht protokollsicher ist, wird schnell abgehängt.

Fazit: Es geht nicht ohne Protokolle

Das Ad Context Protocol ist kein reines Entwicklerthema. Es ist ein geschäftskritischer Standard, der die Ökonomie unserer gesamten Industrie verändern wird. Es reduziert Reibungsverluste, macht Kontext endlich wieder messbar und ermöglicht eine Effizienz, die wir mit rein deterministischen Systemen niemals erreichen könnten.

Mein dringender Rat an alle Kolleginnen und Kollegen in Media, Marketing und AdTech: Besucht die Dokumentation auf adcontextprotocol.org, lest die GitHub-Spezifikationen, sprecht in euren Teams darüber. Wir müssen aufhören, KI nur als coolen Assistenten zu betrachten. Wir müssen anfangen, sie als die neue Infrastruktur zu begreifen. Und diese Infrastruktur braucht Regeln, Standards und Menschen, die sie klug zu nutzen wissen.

Die Ära des Agentic Advertising hat begonnen – lasst sie uns aktiv gestalten, anstatt nur zuzusehen.

Porträt von David Porzelt
David Porzelt ist Founding Expert bei LYDnews, Mitgründer von Intentara und Chapter Lead der Agentic Advertising Organisation im DACH-Raum. Als Fachmann für die Schnittstellen zwischen Marketing, KI und Media analysiert er die Zukunft des Mediabuyings. – David Porzelt

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