KI-Investitionen
28,7 Milliarden Euro für KI: Ist mehr Spending schon ein Zeichen von Reife?
Der deutsche KI-Markt soll 2026 um 48 Prozent wachsen. Bitkom sieht den Übergang zum breiten Einsatz. Für das Management stellt sich damit eine andere Frage: Was sagt die Höhe der Investitionen tatsächlich über KI-Reife aus?

28,7 Milliarden Euro sind ein starkes Wachstumssignal. So groß soll der deutsche Markt für KI-Software, Services und Hardware 2026 laut Bitkom nach Daten des IDC Worldwide AI and Generative AI Spending Guide werden. Im Vorjahr waren es 19,4 Milliarden Euro. Besonders stark wächst generative KI: Die Ausgaben sollen von 5,7 auf 11,5 Milliarden Euro steigen und damit bereits 40 Prozent aller KI-Ausgaben ausmachen. Für 2027 erwartet IDC weitere 40 Prozent Wachstum auf 40,3 Milliarden Euro.
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst spricht vom Übergang „von der Experimentierphase zu einem breiten Einsatz“. Dass KI inzwischen breiter genutzt wird, bestätigt eine zweite aktuelle Bitkom-Erhebung: 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen KI ein. 2025 waren es 36 Prozent, 2024 erst 20 Prozent.
Breite Nutzung ist noch nicht volle Ausschöpfung
Beim KI-Potenzial fällt das Bild deutlich zurückhaltender aus. Kein befragtes KI-nutzendes Unternehmen gibt an, das Potenzial vollständig auszuschöpfen. 3 Prozent sehen eine eher starke Ausschöpfung, 28 Prozent eine geringe und 59 Prozent nach eigener Einschätzung gar keine.
Das steht nicht im Widerspruch zum starken Marktwachstum. Ausgaben, Nutzung und Ausschöpfung messen unterschiedliche Dinge. Unternehmen können ihre KI-Nutzung ausweiten und gleichzeitig noch weit davon entfernt sein, Anwendungen tief in Prozesse und Organisation zu integrieren.
Wie weit der Weg von Nutzung zu Reife sein kann, zeigt auch das aktuelle Trendthema Agentic AI. Im Marketing sind klar begrenzte agentische Anwendungen bereits produktiv. Vollständig autonome Abläufe über mehrere Systeme hinweg sind nach den von LYDnews befragten Fachleuten dagegen noch nicht breit etabliert. Mit wachsender Autonomie gewinnen zudem Berechtigungen, Datenschutz und klare Verantwortlichkeiten an Bedeutung.
Die Lizenz ist nur ein Teil der Rechnung
Auch die Kostenstruktur spricht gegen einen zu engen Blick auf Softwarebudgets. 45 Prozent aller von Bitkom befragten Unternehmen geben 2026 mehr für KI aus als im Vorjahr. Unter den KI-Anwendern nennen 51 Prozent Infrastruktur wie Cloud und Rechenleistung als großen Kostenpunkt, 50 Prozent die Datenaufbereitung und 41 Prozent die Integration in bestehende Systeme. Abos und Softwarelizenzen nennen dagegen 21 Prozent. Bei 19 Prozent verursachen Schulungen hohe Kosten.
Wintergerst bringt den Unterschied auf den Punkt: „Wer nur eine Lizenz kauft, hat KI eingekauft, aber noch nichts verändert.“ Hinter steigenden KI-Ausgaben können deshalb auch Investitionen in die Voraussetzungen für produktiven Einsatz stehen. Daten müssen vorbereitet, Systeme verbunden, Rechenleistung bereitgestellt und Beschäftigte qualifiziert werden.
Hinzu kommt die regulatorische Ebene. 37 Prozent der befragten Unternehmen gehen davon aus, als Anwender vom AI Act betroffen zu sein, weitere 34 Prozent prüfen dies noch. Von diesen Unternehmen rechnen 89 Prozent mit hohem Umsetzungsaufwand, 51 Prozent sogar mit sehr hohem.
Ein konkretes Beispiel ist die KI-Kompetenz. Artikel 4 des AI Act verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen dazu, Maßnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten und weiterer Personen zu ergreifen, die in ihrem Auftrag mit den Systemen arbeiten.
Wann wird aus Investment Reife?
Für das Management rückt damit die Wirkung der Investitionen in den Mittelpunkt. Die Bitkom-Daten liefern dafür selbst ein interessantes Spannungsfeld. Zwei Drittel der Unternehmen, die KI bereits einsetzen, berichten von einer verbesserten Wettbewerbsposition. 48 Prozent sehen deutlich schnellere interne Prozesse, 45 Prozent einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg. Gleichzeitig sieht sich die große Mehrheit bei der Ausschöpfung des KI-Potenzials noch weit am Anfang.
Alles in allem zeigt sich Reife nicht allein daran, dass KI vorhanden ist oder das Budget wächst. Relevant wird, wie tief Anwendungen in Prozesse eingebunden sind, welche organisatorischen und regulatorischen Voraussetzungen geschaffen wurden und welcher wirtschaftliche Beitrag tatsächlich nachweisbar ist.
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