Branchentreffs auf dem Prüfstand
DMEXCO, OMR & Co.: Was bringen große Branchentreffs wirklich?
Zehntausende Besucher, volle Bühnen und zwei Tage für Wissen, Kontakte und Geschäft. Doch zwischen Konferenzprogramm, Networking und erheblichen Kosten wird der tatsächliche Nutzen von Branchentreffs zunehmend diskutiert. Die Antwort deutet auf eine Verschiebung hin – weg vom Wissens-, hin zum Beziehungsort.

Hand aufs Herz: Wer hat sich bei einem Branchentreff nicht schon gefragt, ob Aufwand und Nutzen wirklich zusammenpassen? Für Ticket, Anreise, Unterkunft und ein oder zwei Arbeitstage kommt schnell einiges zusammen. Trotzdem ziehen Veranstaltungen wie DMEXCO, OMR oder d3con jedes Jahr viele Menschen an. Die DMEXCO etwa meldete 2025 mehr als 40.000 Teilnehmende, mehr als 700 Aussteller und Partner sowie rund 1.000 Sprecher auf 17 Bühnen.
Das OMR Festival kam 2026 nach Veranstalterangaben auf 70.000 Besucherinnen und Besucher. Die wesentlich stärker spezialisierte d3con meldete rund 2.000 angemeldete Teilnehmende. Auch wenn sich diese Zahlen nicht direkt vergleichen lassen: Sie zeigen, welche Bedeutung Groß- und Fachveranstaltungen in der Branche haben.
Die große Kosten-Nutzen-Frage
Für Aussteller stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage noch einmal anders. Das zeigt der aktuelle Aussteller-Ausblick des Verbands der deutschen Messewirtschaft AUMA. Für die Untersuchung wurden 404 Unternehmen befragt.
97,5 Prozent halten Messen demnach für eine unverzichtbare Plattform für Austausch, Innovation und Geschäftsanbahnung. Gleichzeitig nennen 64,1 Prozent steigende Kosten als größte Herausforderung. 27,7 Prozent müssen Messebeteiligungen intern zunehmend gegenüber digitalen Maßnahmen verteidigen. Für 83,4 Prozent spielt das Kosten-Nutzen-Verhältnis eine entscheidende Rolle bei der Auswahl einer Messe.
Bei der Erfolgsmessung stehen vor allem konkrete Geschäftsergebnisse im Mittelpunkt. Rund 49 Prozent nennen Leads, Kontakte und Neukundengewinnung. Bekanntheit und Sichtbarkeit stehen nur für rund vier Prozent im Fokus.
Der AUMA vertritt die deutsche Messewirtschaft und ist deshalb kein unabhängiger Kritiker des eigenen Marktes. Die Befragung umfasst zudem den gesamten Fachmessemarkt und nicht speziell Veranstaltungen der Digitalbranche. Die Zahlen zeigen dennoch: Auch aus Unternehmenssicht wächst der Druck, Messebeteiligungen wirtschaftlich zu begründen.
Messen unter Rechtfertigungsdruck

Dass die DMEXCO an die Bedeutung der eigenen Veranstaltung glaubt, liegt in der Natur der Sache. Ihren Anspruch für 2026 verbindet sie erneut mit Wissenstransfer, Austausch und Geschäftsanbahnung. Verena Gründel, Director Brand & Communications der DMEXCO, formuliert es mit Blick auf den diesjährigen Schwerpunkt Commerce entsprechend selbstbewusst: „Wer 2026 verstehen will, wie KI, Plattformen und neue Konsumentenbedürfnisse den Handel verändern, kommt an der DMEXCO dieses Jahr nicht vorbei.“
Damit stellt sich umso mehr die Frage nach dem besonderen Wert des Konferenzprogramms. Fachwissen ist schließlich längst auch über Fachmedien, Newsletter, Podcasts, digitale Veranstaltungen und berufliche Netzwerke verfügbar.
Auf Social brodelt die Debatte
Dass der tatsächliche Nutzen von Branchentreffs viele beschäftigt, merkt man nach wenigen Klicks auf Social. Nach der DMEXCO 2025 schrieb etwa ein Besucher, entscheidend seien für ihn die persönlichen Gespräche gewesen, nicht das Konferenzprogramm.
Bei der OMR 2026 zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Einschätzungen gehen auseinander. Eine Nutzerin kritisierte, ein großer Teil der von ihr besuchten Keynotes und Masterclasses sei zu oberflächlich gewesen und entwickle sich häufig eher zur Produktvorstellung als zum fachlichen Tiefgang.
Eine andere Nutzerin zog nach dem Festival ein deutlich positiveres Fazit. Sie habe inhaltlich viel mitgenommen und bewertete die von ihr besuchten Sessions insgesamt als „richtig stark“.
Solche Beiträge sind kein repräsentatives Stimmungsbild der Branche. Sie zeigen aber, worum sich die Debatte dreht: um das Verhältnis von Wissen und Kontakten und darum, wie viel Aufwand der persönliche Austausch wert ist.
Muss ein guter Branchentreff groß sein?
Wenn der persönliche Austausch tatsächlich eine zentrale Stärke solcher Veranstaltungen ist, rückt auch die Größe des Formats in den Blick. Die d3con etwa verfolgt einen deutlich kleineren und stärker fokussierten Ansatz. Die Veranstaltung richtet sich an eine deutlich enger gefasste Fachzielgruppe als DMEXCO oder OMR. Schon deshalb sind die Größenordnungen nicht vergleichbar.
Ob ein engerer Themen- und Teilnehmerkreis den Austausch zielgerichteter macht, lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Auswahl einer Messe spielt die fachliche Passung aber offenbar eine wichtige Rolle: 92,1 Prozent der befragten Aussteller nennen die Branchenrelevanz als wichtiges Kriterium. Das spricht eher für fachliche Passung als für pure Reichweite – ein Hinweis darauf, dass Größe allein kein Qualitätsmerkmal ist.
Wer entscheidet, welches Wissen auf der Bühne landet?
Nicht jeder Programmpunkt auf einer Branchenveranstaltung entsteht auf dieselbe Weise. Der BVDW beschreibt seine Masterclasses auf der DMEXCO beispielsweise als von einer unabhängigen Jury kuratiert. Sie sollen ausdrücklich kein „Sales-Pitch“ sein. Daneben gibt es Formate, bei denen Bühnenpräsenz Teil einer kommerziellen Partnerschaft ist.
Daran ist zunächst nichts ungewöhnlich. Veranstaltungen finanzieren sich auch über Partner und Sponsoren, Unternehmen wollen ihre Themen sichtbar machen. Wichtig ist vielmehr: Ist für Besucherinnen und Besucher jederzeit klar erkennbar, ob ein Programmpunkt unabhängig kuratiert oder Teil einer kommerziellen Partnerschaft ist?
Hinzu kommt ein Eindruck, der in der Debatte immer wieder auftaucht: Same events, same faces. Damit steht ein weiterer Punkt im Raum: Wer schafft es eigentlich auf die Bühne – und warum? Bei der Auswahl können fachliche Relevanz und Expertise ebenso eine Rolle spielen wie Bekanntheit, Unternehmensgröße oder kommerzielle Partnerschaften.
Was bleibt vom Branchentreff?
Wissen ist heute nahezu jederzeit verfügbar. Fachmedien, Newsletter, Podcasts, Webinare und berufliche Netzwerke liefern kontinuierlich neue Informationen. Dafür braucht es nicht zwingend zwei Tage Messe. Persönliche Begegnungen sind allerdings schwerer zu ersetzen.
Eine 2026 veröffentlichte US-Studie zum beruflichen Networking zeigt, dass persönliche und digitale Kontakte unterschiedliche Funktionen erfüllen. Die befragten Berufstätigen nutzten persönliche Treffen vor allem für internes Networking, also für Kontakte innerhalb des eigenen beruflichen Umfelds. Externe Kontakte wurden dagegen stärker über LinkedIn aufgebaut und gepflegt. Beide Formen standen mit unterschiedlichen beruflichen Vorteilen in Zusammenhang.
Für Branchentreffs ist noch ein zweiter Befund interessant. Claudia Werker und Ward Ooms untersuchten anhand von 45 Interviews, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit räumlich entfernten Kooperationspartnern zusammenarbeiten. Persönliche Treffen halfen insbesondere dabei, soziale Nähe herzustellen und fachliche oder organisatorische Distanz zu überbrücken. Digitale Kommunikationsmittel konnten solche Treffen bei der Zusammenarbeit mit vertrauten Kolleginnen und Kollegen teilweise ersetzen. In Beziehungen zu externen Partnern blieben persönliche Begegnungen dagegen besonders wichtig.
Übertragen auf Branchentreffs spricht das weniger für ein pauschales „Präsenz ist besser“ als für eine spezifische Stärke: Sie bringen in kurzer Zeit Menschen zusammen, zwischen denen berufliche Beziehungen erst entstehen oder vertieft werden sollen.
Offen bleibt damit vor allem die Frage nach dem Format. Dafür braucht es nicht zwangsläufig den großen Branchentreff mit Tausenden Teilnehmenden. Auch kleinere Veranstaltungen oder gezielt organisierte Treffen können diese Funktion erfüllen.
Darin könnte sich die Rolle von Branchentreffs heute verändern: weniger als exklusiver Ort für Wissen, stärker als Ort für berufliche Beziehungen und Sichtbarkeit.
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