Agentic AI
Werbeautomatisierung: Warum KI-Agenten neue Spielregeln brauchen
KI-Agenten rücken näher an Kampagnenplanung, Einkauf und Optimierung. Welche Regeln braucht Werbung, wenn Systeme operative Schritte vorbereiten oder ausführen?

Was passiert, wenn KI-Agenten nicht nur Texte erzeugen, Vorschläge machen oder Analysen vorbereiten, sondern in wiederholbare Werbeprozesse eingebunden werden? Dann verschiebt sich der Blick von der einzelnen KI-Ausgabe auf die Prozesskette dahinter: Welche Daten darf ein Agent nutzen? Welche Systeme darf er ansprechen? Welche Vorschläge darf er auslösen? Welche Schritte müssen Menschen freigeben? Und wie bleibt nachvollziehbar, was automatisiert vorbereitet oder ausgeführt wurde?
Diese Fragen reichen tief in die Infrastruktur digitaler Werbung. IAB Tech Lab arbeitet mit AAMP, den Agentic Advertising Management Protocols, an Standards für eine Umgebung, in der autonome oder halbautonome Agenten Media Discovery, Planung, Einkauf und weitere Funktionen unterstützen. AAMP ist als Dachinitiative angelegt und wird gemeinsam mit dem Werbeökosystem entwickelt.
Standards statt Einzellösungen
AAMP ist auf drei Säulen aufgebaut: Agentic Foundations, Agentic Protocols sowie Trust and Transparency. Agenten sollen dabei nicht als isolierte Werkzeuge verstanden werden, sondern in bestehenden Branchenstandards, Protokollen und Kontrollmechanismen arbeiten.
IAB Tech Lab verweist in diesem Zusammenhang auf standardisierte Schemata und Referenzimplementierungen. Sie sollen dazu beitragen, dass Agenten Aufgaben mit wiederholbarer Genauigkeit ausführen können. Bestehende Standards wie OpenDirect, AdCOM, Taxonomien oder die Deals API werden dadurch nicht abgelöst. Sie dienen als Grundlage, auf der Agenten miteinander kommunizieren, Angebote strukturieren oder Transaktionen vorbereiten können.
Ein Agent muss damit nicht nur ein Kampagnenbriefing verstehen. Er muss auch mit den vorgesehenen Daten arbeiten, Inventar eindeutig beschreiben, Deal-Informationen maschinenlesbar verarbeiten und innerhalb definierter Grenzen handeln.
Buyer Agents und Seller Agents
IAB Tech Lab beschreibt Buyer- und Seller-Agent-SDKs, die miteinander verhandeln, vereinbarte Rate Cards nutzen und Transaktionen unterstützen können. Das soll innerhalb bestehender Standards und organisationsseitiger Grenzen erfolgen. Vorgänge sollen protokolliert und prüfbar bleiben, damit Menschen in Freigabe- und Aktualisierungsprozesse eingebunden bleiben.
Der Buyer Agent ist als mehrstufiges System angelegt. Er kann Kampagnenbriefings aufnehmen, Budgets, Zielgruppen, KPIs und Zeiträume berücksichtigen, Inventar recherchieren und Empfehlungen erzeugen. Nach Freigabe kann der Agent Deals buchen. IAB Tech Lab verweist dabei auf Freigabeschritte und Schutzplanken, die verhindern sollen, dass Automatisierung kontrolliert abläuft.
Auf Verkäuferseite integriert der Seller Agent Standards wie OpenDirect, AdCOM und IAB-Taxonomien in die Strukturierung von Inventar, die Verhandlung von Deals und die Kommunikation mit Käuferagenten. Transparenzmechanismen wie sellers.json und die OpenRTB Supply Chain werden im Zusammenhang mit Vertrauen, Compliance und Datenintegrität relevant.
Europa blickt auf Interoperabilität und Regulierung
IAB Europe hat die Agentic Roadmap des IAB Tech Lab im Januar begrüßt. Der Verband verweist dabei auf gemeinsame Rahmenwerke für Interoperabilität, Transparenz und verantwortliche Innovation. Agentische Ansätze sollen demnach auf bestehenden Marktstrukturen aufbauen und innerhalb eines standardbasierten Ökosystems entwickelt werden.
Townsend Feehan, CEO von IAB Europe, ordnet agentische Technologien als Teil einer breiteren Entwicklung in der digitalen Werbung ein. Entscheidend sei, dass Innovation weiter von „Offenheit, Interoperabilität und Respekt für bestehende Marktstrukturen und regulatorische Erwartungen“ geleitet werde. Diese regulatorischen Erwartungen würden in Europa durch den AI Act und dessen Umsetzung geprägt. Konstruktiver Dialog und Abstimmung zwischen Initiativen seien dabei zentral.
Auch die 2026er Ausgabe der IAB-Europe-Befragung zum Einfluss von KI auf digitale Werbung wurde erweitert. Neue Schwerpunkte sind unter anderem Agentic Advertising, das agentische Web, autonome Systeme und Workflows, Governance, Risikomanagement sowie Monetarisierung in promptgetriebenen Umgebungen.
Governance wird zur Betriebsfrage
Der BVDW stellt bei KI-Agenten die organisatorischen Voraussetzungen in den Vordergrund. In einem Whitepaper zum verantwortungsbewussten Einsatz von KI-Agentensystemen definiert der Verband KI-Agenten als autonome digitale Systeme, die Aufgaben und Prozesse innerhalb der Wertschöpfungskette analysieren, anpassen und ausführen können.
Laut zwei Civey-Befragungen im Auftrag des BVDW nutzen weniger als ein Drittel der Unternehmen in Deutschland KI-Agenten. Der Verband nennt 28 Prozent. Gründe für mögliche Zurückhaltung sieht der BVDW unter anderem in ungeklärten Fragen rund um Transparenz und Fairness von agentischer KI. Gleichzeitig wachse die Frage, wer die Verantwortung für selbstständige Entscheidungen der Technologie trägt.
Für Maike Scholz von der Deutschen Telekom, stellvertretende Vorsitzende der Working Group Digital Responsibility im BVDW, entsteht verantwortungsbewusster Einsatz autonomer KI-Systeme nicht nur durch technische Exzellenz, sondern durch „klare Zuständigkeiten, transparente Prozesse und verbindliche Governance Strukturen“.
Je näher Agenten an Buchung, Ausspielung, Optimierung oder Reporting rücken, desto weniger reicht ein allgemeiner KI-Leitfaden.
Schnittstelle zu Retail und Commerce
Auch im Retail- und Commerce-Media-Umfeld werden KI-Agenten als Prozesssysteme beschrieben. Kampagnenarbeit wandert stärker in Systeme, die Daten, Kreation, Ausspielung und Messung enger miteinander verbinden. Der Unterschied beim Blick auf AAMP und die Verbandsdebatte liegt in der übergreifenden Regelsetzung. Es geht nicht um ein einzelnes Plattformwerkzeug, sondern um die Frage, nach welchen Standards agentische Prozesse im offenen Werbeökosystem funktionieren können.
Bitkom beschreibt Agentic Commerce als angrenzendes Feld. KI-Agenten können demnach nicht nur Verbraucherinnen und Verbraucher beim Preisvergleich oder bei Produktempfehlungen unterstützen. Sie können auch Online-Händlern beim Management von Sortimenten, bei der Verhandlung von Lieferbedingungen oder bei der Personalisierung von Marketingkampagnen helfen. Damit wird die Schnittstelle zwischen Commerce, Produktsignalen, Kampagnensteuerung und Datenzugriff wichtiger.
Die neue Prüfaufgabe
Die Veröffentlichungen von IAB Tech Lab, IAB Europe, BVDW und Bitkom zeigen keinen fertigen Marktstandard für agentische Werbung. Sie zeigen aber, woran gearbeitet wird: technische Schemata, Referenzimplementierungen, Agentenrollen, Transparenzmechanismen, Freigaben und Governance.
Entscheidend wird damit nicht nur, welche Aufgaben KI-Agenten übernehmen können. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie es tun: Welche Daten fließen ein? Welche Regeln begrenzen den Agenten? Welche Zwischenschritte werden dokumentiert? Wann ist menschliche Freigabe nötig? Welche Standards sichern Interoperabilität? Und wie wird verhindert, dass automatisierte Entscheidungen zwar effizient, aber nicht mehr nachvollziehbar sind?
Werbeautomatisierung wird dadurch nicht automatisch autonomer. Sie wird stärker regelungsbedürftig.
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