Arbeitskultur
Der Watercooler-Effekt: Warum Lästern besser ist als sein Ruf
Klatsch, Tratsch und Flurfunk gelten im Büro schnell als Zeitverschwendung. Dabei erfüllt informeller Austausch wichtige Funktionen: Er schafft Nähe, Orientierung und manchmal sogar bessere Zusammenarbeit.

Niemand mag es, wenn andere schlecht über einen reden. Notorische Lästerer machen sich schnell unbeliebt. Und doch tun wir es fast alle: Wir sprechen über Menschen, die gerade nicht im Raum sind.
Das klingt erst einmal nach einer schlechten Angewohnheit. Ist aber komplizierter. In der Forschung wird Klatsch nicht automatisch als bösartiges Gerede verstanden, sondern zunächst als Gespräch über abwesende Personen. Das kann negativ sein, aber auch positiv oder schlicht neutral. Eine Studie der Psychologinnen Megan Robbins und Alexander Karan kam zu dem Ergebnis, dass Menschen im Schnitt rund 52 Minuten pro Tag mit Klatsch verbringen. Der größte Teil davon war neutral, also eher soziale Information als gezielte Herabsetzung.
Das ändert nichts daran, dass Lästern verletzen kann. Wer hinter dem Rücken anderer tuschelt, will sich manchmal selbst ins bessere Licht rücken. Gerüchte können eine Negativspirale auslösen, besonders wenn Falschinformationen verbreitet, Kolleginnen ausgegrenzt oder Kollegen bloßgestellt werden. In solchen Fällen ist Flurfunk kein sozialer Kitt, sondern ein Kulturproblem.
Aber harmloser Klatsch hat auch eine andere Seite. Er hilft Menschen, soziale Situationen einzuordnen. Wer wird ernst genommen? Wer hält Zusagen ein? Welche Regeln gelten offiziell und welche inoffiziell? Was ist gerade los, obwohl es noch in keiner E-Mail steht?
Flurfunk als sozialer Klebstoff
Der amerikanische Psychologieprofessor Nicholas DiFonzo beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Gerüchten und informeller Kommunikation. Er beschreibt Gerüchte und Klatsch als Teil sozialer Verständigung: Menschen nutzen solche Gespräche, um Unsicherheit zu sortieren, Zugehörigkeit herzustellen und soziale Netze zu festigen. Sein Begriff dafür ist der Watercooler-Effekt. Gemeint ist der informelle Austausch am Wasserspender, an der Kaffeemaschine oder im Türrahmen.
Wer in den neuesten Flurfunk eingeweiht wird, fühlt sich oft akzeptiert. Das Getuschel sagt dann nicht nur etwas über die Person, über die gesprochen wird. Es sagt auch: Du gehörst dazu. Wir teilen eine Beobachtung. Wir haben einen gemeinsamen Blick auf diese Situation.
So verstanden ist Klatsch eine viel komplexere Form der Kommunikation, als sein schlechter Ruf vermuten lässt. Er kann Nähe schaffen, Stress abbauen, gemeinsame Normen sichtbar machen und Teams helfen, unausgesprochene Spannungen zu verarbeiten. Ein kurzes Gespräch über etwas anderes als die nächste Aufgabe öffnet manchmal den Blick, bevor alle wieder in ihre Tabellen, Präsentationen und Termine zurückgehen.
Wenn aus Nähe Ausschluss wird
Trotzdem bleibt die Grenze wichtig. Nicht jeder Flurfunk ist harmlos. Wer ständig über andere redet, statt mit ihnen, schwächt Vertrauen. Wer private Informationen weitergibt, beschädigt Beziehungen. Und wer Klatsch nutzt, um einzelne Personen kleinzuhalten, betreibt keine informelle Kommunikation mehr, sondern Ausgrenzung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen am Arbeitsplatz über andere sprechen. Das tun sie ohnehin. Die Frage lautet, welche Kultur daraus entsteht. Wird Klatsch zur Orientierung genutzt oder zur Abwertung? Hilft er, Unsicherheit abzubauen, oder produziert er neue? Entsteht Nähe oder Misstrauen?
Guter Flurfunk hat Grenzen. Er bleibt bei Beobachtungen, nicht bei Demütigungen. Er erklärt soziale Situationen, statt Menschen zu beschädigen. Und er ersetzt nicht das direkte Gespräch, wenn etwas wirklich geklärt werden muss.
Tückisches Homeoffice
In der hybriden Arbeitswelt zeigt sich besonders deutlich, wie wichtig informeller Austausch ist. Videokonferenzen können Arbeitsmeetings ersetzen. Sie ersetzen aber nicht automatisch den kurzen Plausch vor dem Besprechungsraum, das zufällige Gespräch nach dem Termin oder den Blickkontakt, der sagt: Das war gerade seltsam, oder?
Genau diese Zwischenräume sind im Homeoffice schwerer zu greifen. Wer nur noch für geplante Termine online geht, erlebt Arbeit effizienter, aber auch ärmer an beiläufiger sozialer Information. Man bekommt Aufgaben, Rückmeldungen und Kalendereinladungen. Aber weniger von dem, was Organisationen im Inneren zusammenhält.
Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation beschreibt diesen Punkt in seiner Studie „Beyond Hybrid Work“ sehr klar. Hybrides Arbeiten sei zur Normalität geworden und viele Befragte berichteten von höherer Produktivität. Gleichzeitig warnt das Institut vor sozialer Erosion, weniger informellen Kontakten und Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen oder sich integriert zu fühlen. Die Studie basiert auf einer bundesweiten Befragung von annähernd 3.000 Personen.
Der Arbeitsplatz als sozialer Ort
Das Büro ist deshalb mehr als ein Ort, an dem Aufgaben erledigt werden. Es ist auch ein sozialer Ort. Dort entstehen Zugehörigkeit, Vertrauen, spontane Ideen und gemeinsame Deutungen. Nicht immer in großen Sitzungen. Oft eher zwischen zwei Terminen, beim Kaffee oder auf dem Weg zurück zum Schreibtisch.
Für Unternehmen ist das unbequem, weil sich solche Momente kaum planen lassen. Man kann Nähe nicht in einen Terminblock von 15 Minuten pressen. Man kann aber Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird: gute Räume, echte Begegnungsanlässe, weniger Scheintermine und eine Kultur, in der Menschen nicht nur funktionieren müssen.
Vielleicht ist der Watercooler-Effekt deshalb aktueller als je zuvor. Nicht, weil Büros wieder wie früher werden sollten. Sondern weil hybride Arbeit neue Antworten auf eine alte Frage braucht: Wo sprechen Menschen miteinander, wenn es gerade nicht um die nächste Aufgabe geht?
Denn manchmal entsteht Zusammenarbeit nicht im offiziellen Meeting. Sondern danach. Beim Rausgehen. An der Kaffeemaschine. Oder dort, wo jemand sagt: „Hast du eigentlich schon gehört?“
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