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Work-Life

Leisure Sickness: Warum wir ausgerechnet im Urlaub krank werden

Die letzten Arbeitstage durchgezogen und gleich im Urlaub krank: Viele Beschäftigte kennen dieses Muster. Warum Leisure Sickness entsteht und was gegen die Freizeitkrankheit hilft.

Jens Voss

Person sitzt in eine Decke gehüllt am Strand und blickt aufs Meer.
Endlich Urlaub, plötzlich erschöpft: Leisure Sickness trifft viele Menschen genau dann, wenn der Stress eigentlich vorbei ist. - Karola G / Pexels

Endlich Urlaub. Die Abwesenheitsnotiz ist aktiviert, der letzte Call erledigt, der Koffer fast gepackt. Eigentlich könnte jetzt alles leicht werden. Doch dann schleicht es sich an. Vielleicht ein leichtes Kratzen im Hals oder ein kaum spürbarer Druck an der Stirn. Kurz darauf schlägt es mit voller Wucht zu: Husten, Kopfschmerz, Übelkeit, totale Erschöpfung.

Schon ist sie da, die klassische Urlaubsfrage: Wieso werden wir ausgerechnet dann krank, wenn der Arbeitsstress endlich vorbei ist?

Tatsächlich ist das Phänomen weit verbreitet. Laut einer repräsentativen Studie der IU Internationalen Hochschule kennen 71,9 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland das Gefühl, an freien Tagen oder im Urlaub krank zu werden oder sich erschöpft zu fühlen. 19,3 Prozent erleben das immer oder häufig. Befragt wurden 2.004 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren.

Für Menschen in Wissensjobs ist das besonders relevant. Wer die Woche über zwischen Terminen, Mails, Abstimmungen, Präsentationen und privatem Alltag hin- und herschaltet, nimmt die eigene Anspannung oft erst wahr, wenn der Kalender plötzlich leer wird.

Wenn Stress Symptome überdeckt

Es ist aber nicht die freie Zeit, die uns krank macht. Es ist die Anstrengung davor. Wenn wir unter Stress stehen, etwa weil wir ein Projekt abschließen, eine Präsentation vorbereiten oder ständig zwischen Job und Familie umschalten müssen, arbeitet unser Körper im Alarmmodus. Er schüttet Stresshormone aus, die kurzfristig wie körpereigenes Doping wirken.

„Solange diese Hormone zirkulieren, befinden wir uns auf einem Höhenflug“, erklärt der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Thomas Weiss. „Auch das Immunsystem läuft auf Hochtouren.“ Der Hormoncocktail aus Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin hilft uns dabei, anstrengende Phasen energiegeladen zu überstehen.

Hormon-Junkies auf Entzug

Danach aber legt unser Körper den Schalter um. „Die angekurbelte Hormonproduktion wird zurückgefahren“, sagt Weiss. Der Höhenflug endet mit einer Crash-Landung, denn wir sind gewissermaßen auf Hormonentzug.

Viele kennen das: Nach einer Prüfung, einer Deadline oder einer anderen schwierigen Aufgabe fällt man schnell in ein Loch, wird müde und antriebslos. Das Immunsystem kann in dieser Phase anfälliger reagieren. Dann werden Symptome sichtbar, die im Arbeitsmodus vielleicht überdeckt waren: Erschöpfung, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Erkältungssymptome.

Auch die IU-Studie nennt Müdigkeit und Erschöpfung, Schlafprobleme, Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Erkältungssymptome als häufige Beschwerden bei Leisure Sickness.

Am besten also, wir halten unser Stresslevel permanent hoch? „Auf Dauer endet das in einer Katastrophe“, warnt Weiss. Dauerstress belastet nicht nur die Psyche. Er kann auch körperliche Folgen haben, etwa für Blutdruck, Herz und Kreislauf.

Urlaub beginnt nicht am ersten Ferientag

Welchen Ausweg gibt es aus der Stressfalle? Weiss empfiehlt, den Alltag durch winzige Pausen bewusster zu gestalten. Zum Beispiel, indem man nach einem anstrengenden Telefonat nicht sofort in die nächste Aufgabe springt, sondern einen Moment innehält. Solche kurzen Pausen sollte man regelmäßig in die tägliche Arbeitswelt einbauen. Viele Menschen nehmen ihre Daueranspannung gar nicht mehr richtig wahr.

Genau dort liegt das Problem: Wer bis zur letzten Minute im roten Bereich arbeitet, nimmt den Stress mit in den Urlaub. Der Körper soll dann von jetzt auf gleich umschalten. Arbeit aus, Erholung an. So einfach funktioniert Regeneration aber oft nicht.

Die IU-Studie zeigt auch, wie sehr Arbeit in die freie Zeit hineinragt: 54,4 Prozent der Beschäftigten sagen, dass Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit ihre Erholung beeinträchtigt. 47,4 Prozent rufen auch außerhalb der Arbeitszeit berufliche Mails oder Nachrichten ab, 36,7 Prozent sogar im Urlaub.

Die kleinen Allzweckwaffen

Und dann gibt es noch die beiden Allzweckwaffen: Ruhe und Bewegung. Auch im Urlaub sollte man darauf nicht verzichten. Gemeint ist nicht der durchgetaktete Selbstoptimierungsurlaub mit Morgenlauf, Museumsplan und Abendprogramm. Gemeint ist ein Körper, der wieder in einen anderen Rhythmus finden darf.

Die Tipps gegen Leisure Sickness sind deshalb erstaunlich unspektakulär: Ansprüche runterschrauben, vor dem Urlaub nicht alles bis zur Erschöpfung ausreizen, öfter das Smartphone weglegen, kleine Übergänge schaffen, genug schlafen, sich bewegen und nicht mit der Erwartung in die Ferien starten, dass jetzt sofort alles gut sein muss.

Vielleicht beginnt guter Urlaub also nicht erst am Flughafen, am Bahnhof oder auf der Autobahn. Sondern schon ein paar Tage vorher, wenn man aufhört, den eigenen Körper wie ein Projekt mit zu knapper Frist zu behandeln.

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