Führung und Anerkennung
Feedbackkultur: Warum zu viel Lob Motivation schwächt
Lob soll motivieren. Doch falsch dosierte Anerkennung kann das Gegenteil bewirken. Forschung zur Motivation zeigt, warum pauschales Lob Druck erzeugen kann und was gute Führung daraus lernen sollte.

Lob ist wie Penicillin. Ein starkes Medikament, das man nicht unüberlegt verabreichen darf. Die Worte des 1973 verstorbenen Kinderpsychologen Haim G. Ginott mögen übertrieben klingen. Was er damit meinte: Falsch dosiertes Lob kann schaden.
Das gilt nicht nur in der Erziehung. Auch in Unternehmen, Agenturen, Medienhäusern und Teams gilt Anerkennung als wichtiger Teil guter Führung. Wer Leistung sichtbar macht, stärkt Motivation und Zusammenhalt. Doch pauschales, übertriebenes oder falsch adressiertes Lob kann Menschen auch unter Druck setzen.
Klar ist: Jeder Mensch sehnt sich nach Wertschätzung. Kinder brauchen Ansporn und Anerkennung. Aber auch Erwachsene wollen gesehen werden, wenn sie sich anstrengen, Verantwortung übernehmen oder gute Arbeit leisten. Und natürlich loben wir meist in bester Absicht. Doch nach Ansicht von Fachleuten übertreiben wir es regelmäßig damit.
Muss jedes schnell dahin gekritzelte Kinderbild gleich einen Beifallsturm auslösen? Und muss im Arbeitsalltag jede solide erledigte Aufgabe sofort mit einem „großartig“ versehen werden? Die Wissenschaft sieht solche Lobhudelei kritisch. Studien zeigen: Lob ist ein zweischneidiges Schwert.
Lob für Talent oder für Anstrengung?
Die US-Psychologinnen Claudia M. Mueller und Carol S. Dweck haben die Auswirkungen von Lob auf Schulkinder untersucht. In ihren Studien unterscheiden sie zwischen Lob für Intelligenz, also personenbezogenem Lob, und Lob für Leistung beziehungsweise Anstrengung, also prozessbezogenem Lob. Das Ergebnis: Lob für Intelligenz kann Motivation und Leistung beeinträchtigen.
„Du bist so schlau!“ Wer ein Kind für dessen Intelligenz lobt, vermittelt ihm, dass seine Fähigkeiten angeboren und damit eigentlich unveränderlich sind. Scheitert das Kind an einer Aufgabe, macht es mangelnde Klugheit dafür verantwortlich. Mueller und Dweck zufolge scheuen diese Kinder künftige Herausforderungen aus Angst, als Dummkopf dazustehen.
Stattdessen wählen sie leichtere Aufgaben mit höherer Erfolgswahrscheinlichkeit. Stoßen sie auf Schwierigkeiten, brechen sie eher ab. Grundsätzlich tun sie Dinge weniger aus eigenem Antrieb, sondern um zu gefallen. Personenbezogenes Loben, auch der Vergleich mit anderen, führt also schnell zu Frust und Demotivation.
Anders dagegen das prozessbezogene Lob. Die Forschungen von Mueller und Dweck legen nahe: Kinder, die konkret für ihre Leistung und Anstrengung gelobt werden, zeigen mehr Durchhaltevermögen bei kommenden Aufgaben. „Du hast dir richtig Mühe gegeben!“ Wer ein Kind für dessen Einsatz lobt, ermutigt es dazu, auch Misserfolge als Chance zu sehen.
Für die Arbeitswelt ist das mehr als eine pädagogische Randnotiz. Auch Führungskräfte loben oft mit guter Absicht, aber ohne Präzision. „Starke Arbeit“, „super gemacht“ oder öffentlicher Applaus im Meeting können motivieren. Sie können aber auch Erwartungen erhöhen, Vergleichsdruck erzeugen oder den Blick auf das eigentliche Lernen verstellen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob gelobt wird, sondern wofür.
Übertriebenes Lob ist kontraproduktiv
Lob ist also nicht gleich Lob. Es sollte konkret und gezielt sein, authentisch und ehrlich. Zu viel Lob dagegen ist kontraproduktiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine niederländische Studie um den Psychologen Eddie Brummelman.
Oft würden Kinder mit übertriebenem Lob geradezu überschüttet, heißt es darin. Besonders auffällig sei das bei Kindern mit einem geringen Selbstwertgefühl. Erwachsene neigten dazu, sie stärker zu loben, um sie innerlich zu stärken. Doch das gehe häufig nach hinten los.
Das Forschungsteam fand heraus: Kinder, die an sich selbst zweifeln, zeigen weniger Motivation, wenn sie ständig übertriebenes Lob erhalten. Denn wenn sie dafür gelobt werden, dass sie etwas nicht einfach nur „gut“, sondern „unglaublich gut“ gemacht haben, könnten sie schlussfolgern, dass dieser hohe Standard auch künftig von ihnen verlangt wird.
Sie empfinden die Überdosis an Lob als zusätzlichen Druck, übersteigerten Erwartungen gerecht werden zu müssen. Am Ende meiden sie wichtige Herausforderungen, Lernerfahrungen und Situationen. Gut fürs Selbstwertgefühl ist das nicht.
Auch in Organisationen lässt sich daraus etwas lernen. Wer Menschen permanent besonders hervorhebt, kann unbeabsichtigt eine Fallhöhe erzeugen. Aus Anerkennung wird Erwartungsdruck. Aus Motivation wird die Sorge, beim nächsten Mal nicht wieder zu genügen. Gerade in Arbeitsumfeldern, in denen Leistung stark sichtbar ist, kann pauschales Überloben deshalb das Gegenteil dessen bewirken, was gemeint war.
Was uns antreibt: extrinsische und intrinsische Motivation
Lob ist ein mächtiges Instrument. Deshalb sollte man es wohldosiert einsetzen. Das gilt auch im Beruf.
Wer Motivation allein aus dem Lob anderer schöpft, geht eine Aufgabe nicht unbedingt aus innerer Überzeugung an, sondern aus dem Wunsch nach Belohnung. Fachleute sprechen hierbei von extrinsischer Motivation. Damit machen wir uns aber von äußeren Faktoren abhängig, die wir im Zweifel gar nicht selbst in der Hand haben.
Extrinsische Motivation ist nicht per se schlecht. Sie kann uns dazu anspornen, Dinge zu erledigen, auf die wir eigentlich keine Lust haben. Die meisten Menschen arbeiten schließlich nicht nur aus Spaß, sondern um Geld zu verdienen, also um belohnt zu werden.
Dennoch gilt die intrinsische Motivation, die Motivation aus eigenem Antrieb, als bessere Wahl. Wer von innen heraus motiviert ist, zeigt auf lange Sicht mehr Engagement und Leistung, ist zufriedener und glücklicher. Anstatt einer Belohnung hinterherzuhecheln, tun wir Dinge, weil wir sie selbst sinnvoll oder interessant finden. Oder weil sie uns einfach Freude machen.fr
Für Führung bedeutet das: Anerkennung sollte nicht inflationär verteilt werden. Gutes Lob beschreibt konkret, was jemand getan hat, welche Anstrengung sichtbar wurde und warum das Ergebnis relevant ist. Es ersetzt keine ehrliche Rückmeldung, sondern ergänzt sie.
Wer Menschen nur für Ergebnisse, Talent oder besondere Brillanz lobt, macht sie abhängig von Bestätigung. Wer dagegen Lernfortschritt, Sorgfalt, Ausdauer und kluge Entscheidungen sichtbar macht, stärkt Motivation von innen heraus.
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