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Mind the Gap | Wo es in Media und Marketing klemmt

Der Choice-Gap: Erinnert, aber nicht gewählt

In der neuen LYDnews-Reihe „Mind the Gap“ beleuchtet Marketingexperte Ron Warncke die Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Media und Marketing. Zum Auftakt erklärt er, warum die meisten Marken nicht geliebt, aber ohne zu zögern gewählt werden sollten.

Ron Warncke Gap 1

Vielleicht etwas ernüchternd, aber die meisten Marken müssen nicht geliebt werden. Sie müssen ganz einfach gewählt werden, ohne dass jemand zögert.

Viele Werbetreibende und Agenturen kennen aus Briefings den Satz: „Wir wollen, dass die Menschen unsere Marke lieben.“ Vielleicht ist die Marke eine Kfz-Versicherung. Die meisten Beteiligten ahnen, dass das nicht passieren wird, und niemand sagt es. Es entsteht eine Kampagne, die Gefühle behauptet, die das Publikum nie hatte. Ein halbes Jahr später meldet das regelmäßige Brand-Tracking: Bekanntheit leicht gestiegen, Sympathie und Preisbereitschaft unverändert.

Im Meeting nebenan hat man Byron Sharp gelesen, die Gespräche werden eventuell noch von der Mediaagentur geführt und folgerichtig das Budget auf Reichweite, Kontinuität und unverwechselbare Markenelemente umgestellt. Das ist richtig und gut belegt. Trotzdem kennt auch dieser Raum das Risiko: Es gibt Marken, die jeder kennt, die in der passenden Situation auch einfallen und die trotzdem nicht gewählt werden. Im übertragenen Sinne: Man kennt sie, man grüßt sie, aber man klingelt nicht bei ihnen.

Zwei Wege, eine offene Lücke

Wie genannt, bekommen Markenverantwortliche häufig zwei Antworten angeboten, und beide lassen sie separat betrachtet allein in dem Schließen der Lücke zwischen bekannt und auch gewählt. Die erste ist das Leitbild der Love Brand. Es verlangt Identifikation, Leidenschaft und Bindung, und wo Markenliebe entsteht, wirkt sie stark: mehr Loyalität, mehr Empfehlung, weniger Preissensibilität. Nur entsteht sie bei einer Minderheit. Die meisten Käufer einer Marke kaufen sie selten und denken zwischendurch kaum an sie, und Werbung bekommt oft nur Sekunden echter Aufmerksamkeit. Wer unter diesen Bedingungen Liebe verlangt, macht einen Heiratsantrag beim ersten Date.

Die zweite Antwort kommt aus der Ehrenberg-Bass-Forschung, und sie hat die Markenführung ehrlicher gemacht. Marken wachsen über mehr Käufer, kaum über treuere. Getragen wird das von Physical Availability, also davon, wie leicht man eine Marke findet und kauft, und von Mental Availability, also davon, ob sie in der Kaufsituation einfällt. Das Problem hier liegt nicht beim Modell, sondern in einer verkürzten Lesart, die Reichweite plus Wiedererkennung für das ganze Programm hält. Sie beantwortet, ob eine Marke einfällt. Was mit ihr einfällt, beantwortet sie nicht.

Die Klingelhemmung zwischen Erinnerung und Wahl

Genau dort liegt der Gap, um den es hier geht: der Abstand zwischen erinnert und gewählt. Gedächtnisinhalte sind nicht neutral. Wer an einen Nachbarn denkt, erinnert sich zugleich daran, ob er hilfsbereit war oder ob es beim letzten Mal unangenehm wurde. Die Sozialpsychologie zeigt seit Langem, dass Menschen andere zuerst danach beurteilen, ob sie es gut mit ihnen meinen, und dass sie Marken nach ähnlichen Maßstäben beurteilen. Kaufentscheidungen fallen schnell und mit dem Ziel, keinen Fehler zu machen. Ein vager Vorbehalt reicht deshalb, um eine Marke auszusortieren, die eben noch präsent war. Ich nenne dieses Zögern zwischen Abruf und Wahl gerne die Klingelhemmung.

Und die Liebe?

Die gibt es, und sie lohnt sich. Das Bild gibt ihr einen eigenen Platz, The Good Neighbour+: eine Stufe für die Minderheit, bei der aus Nachbarschaft Zuneigung wird. Sie baut auf guter Nachbarschaft auf, aber sie ersetzt sie nicht. Wer Liebe anstrebt, ohne guter Nachbar zu sein, macht den Heiratsantrag vor dem ersten Gruß.

Drei häufige Missverständnisse sind wichtig. Emotional Availability heißt nicht emotionalere Werbung. Emotionalisierung beschreibt den Stil einer Botschaft, emotionale Verfügbarkeit oder auch emotionale Intelligenz der Marke die Qualität des Verhaltens. Eine nüchterne Marke kann ein guter Nachbar sein, eine tränenreiche Kampagne das Gegenteil, wenn sie am Leben der Menschen vorbeiredet. Es ist auch kein Loyalitätsprogramm: Der Effekt liegt bei Menschen, die die Marke kennen, an sie denken und trotzdem anders wählen, und bei ehemaligen Käufern, denn dort sammeln sich negative Erfahrungen. Und es geht nicht um Differenzierung. Der gute Nachbar ist nicht der originellste im Haus. Er ist der, bei dem man nicht nachdenken muss.

Wenn KI-Agenten die Wahl übernehmen

Mit KI-Agenten wird das Management der emotionalen Verfügbarkeit dringlicher. Wenn der Kunde nicht mehr selbst klingelt, sondern einen Assistenten schickt, prüft dieser Signale statt Gefühle: Bewertungen, Kulanz, Fehlerumgang, stimmige Produktangaben. Emotionale Werbung erreicht den Menschen und kaum die Maschine. Verhalten hinterlässt Spuren in Daten und erreicht beide.

Zusammenfassend: Reichweite sorgt dafür, dass eine Marke einfällt. Ob dann jemand klingelt, entscheidet ihr Verhalten. Wir müssen also die künstliche Lücke zwischen dem Denken in Penetration Brand und Love Brand schließen, um das zu erreichen, worum es geht: Ohne Zögern gewählt zu werden!

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